Notizen von unterwegs: Hoffnung

von Heike Rost am 26. November 2015

in Begegnung

Oft bewege ich mich als Photographin auf schwierigem Terrain: In Gefängnissen oder Sterbehospizen, unterwegs mit blinden oder gehörlosen Menschen, mit psychisch Kranken. Es sind leise Geschichten, die ich mit meinen Bildern und Texten erzähle. Manchmal fallen sie mir buchstäblich vor die Füße, diese Reportagen, sie begegnen mir und ich ihnen. Und immer sind sie es wert, erspürt, geschrieben und photographiert zu werden.

Mitunter gibt es während der Arbeit sehr berührende Momente; so wie heute, als ich vor einem Gebäude stand, das derzeit zu einer Flüchtlingsunterkunft hergerichtet wird. Im Gespräch mit Bauarbeitern und Planern, mit Bundeswehrsoldaten und Sozialarbeitern, Mitarbeitern eines Sicherheitsdienstes, die das Gelände bewachen. Mitten im Baustellen- und Verkehrslärm dann ein stiller Moment während einer Kaffeepause: Gleichzeitig schauten eine junge Frau und ich auf, in den pastellfarben graublauen Winternebelhimmel.

Leises Rauschen über unseren Köpfen hatte unsere Aufmerksamkeit geweckt. Und plötzlich stupste einer den anderen mit dem Ellbogen an in der Runde. Nickte mit dem Kopf nach oben oder deutete mit der Hand hinauf. Flüsterte: »Schau mal…!«. Über das mit Stacheldraht abgezäunte Gelände flogen sechs Schwäne mit ruhigen, kraftvollen Flügelschlägen wasserwärts, zum Rhein. Ein poetischer, unwirklicher Augenblick der Stille und des Innehaltens, wir blickten uns an, mit einem leisen Lächeln, unberührt geblieben ist keiner. Weil uns die Schwäne alle an etwas erinnerten. An Märchen der Brüder Grimm aus Kindertagen, an Träume und vor allem daran, dass alles gut werden kann.
Weil es möglich ist. Und man die Hoffnung nicht aufgeben darf.

Foto: Fundstück aus einem Flur, mit einem Goethe-Zitat. »Es hört doch jeder nur, was er versteht.« ©HeikeRost.com 26.11.2015

PS: Der Psychologe und Philosoph Wilhelm Salber interpretiert das Märchen »Die sechs Schwäne« als eine Geschichte des Suchens und Findens, der Balance zwischen Zuviel und Zuwenig, mit Chancen und Hoffnungen für Neues ebenso wie für Fehlentscheidungen und Verwirrungen. Das Märchen charakterisiere »Verrückungen und Risse unseres Handelns in Umbruchszeiten mit ungewissem Ausgang«.

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Herbstlicht an der Ostsee

von Heike Rost am 12. Oktober 2015

in Betrachtung

»Das wahre Licht ist das Licht,
das aus dem Innern der menschlichen Seele hervorbricht,
das den anderen das Geheimnis seiner Seele offenbart
und andere glücklich macht…«
~Khalil Gibran

Foto ©HeikeRost.com 10.10.2015 – Alle Rechte vorbehalten.

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Herbstspaziergangsnotizen

von Heike Rost am 11. Oktober 2015

in Betrachtung


Die Jahreszeiten spüren mit allen Sinnen: im Frühling den Duft nasser Erde und erster Blüten. Im Sommer den Wind von den Feldern, warm durchglüht, manchmal staubig und trocken, bisweilen nach Gewittern von samtiger Feuchte, in der sich die Haare sanft kräuseln.

Im Herbst den Rauch der Ackerfeuer schnuppern. Sich die klammen Hände an den heißen Kartoffeln wärmen, deren Schale geschwärzt ist von der Glut. Morgens mit den Fingern Muster und Zeichen malen in die dünne Eisschicht auf Autofenstern und Motorhauben. Auf langen Spaziergängen am Meer den eisigen Wind spüren, der die Wangen rötet und in die Nase zwickt. Dicke Socken in den Wanderschuhen, warm eingepackt mit Schal, Steppweste und Pullover. Im Abendlicht nach Hause kommen.

Nach Hause. Zu Kaminfeuer und Teekanne, aufs Sofa, im Schneidersitz und in die Felldecke gekuschelt ein Buch genießen. Ob allein oder mit Lieblingsmenschen: was für ein Luxus. Einer, dessen Wert und Zerbrechlichkeit einem gelegentlich vielleicht entfällt und an den einen das frostige Wetter wieder erinnert.

Beim Stöbern im Lieblings-Buchantiquariat stieß ich auf einige vergessene Schätze der Literatur. Darunter auf einen Satz, den die Schriftstellerin Marlen Haushofer schrieb: »Sie bereute nichts, das Leben war schön, grauenhaft, sanft und ohne Gnade und immer stärker als ihr Herz…«.

Foto: HeikeRost.com 11.10.2015 – Alle Rechte vorbehalten.

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Notizen von unterwegs: Über den Hass

von Heike Rost am 23. August 2015

in Betrachtung

Freital, Heidenau, Pegida und Co. – Namen für eine Entwicklung, die nicht nur »im Osten« stattfindet.

Trotzdem sind es nur wenige.

Verglichen mit der riesigen Hilfsbereitschaft so vieler Menschen, die im Rahmen ihrer Möglichkeiten Hände reichen statt Steine zu werfen. Manchmal haben die Helfenden selbst nur wenig. Aber: Sie helfen. Selbstverständlich und ohne zu fragen. Weil vieles, was wir als selbstverständlich erachten, anderswo nicht selbstverständlich ist: Freiheit. Frieden. Menschenrechte.

Sie sind viele. Und es gibt sie glücklicherweise überall. (Auch in Sachsen.)

Wir sollten öfter genau hinschauen. Darauf, wie unglaublich viel wir gemeinsam erreichen können. Auch wenn jeder nur zwei Hände hat und vielleicht  nicht immer die Möglichkeit, selbst zu helfen. Darauf, dass Haltung immer geht und notwendig ist. Darauf, wieviel Hilfsbereitschaft, Mitgefühl und Herzenswärme bewirken können. Darauf, was Zupacken, mit Freundlichkeit, Offenheit, Lächeln und Humor, bewegt. Darauf, dass Unaufgeregtheit und Gelassenheit nötig sind – trotz der bedrückenden Bilder und Nachrichten, die uns gerade überfluten. Und darauf, dass auch Worte, Information und und klare Positionen hilfreich sind: Dort, wo Politik sich entweder im Ton vergreift oder schweigt – und damit den Boden dessen bereitet, dem wir gemeinsam entgegentreten können und müssen. Weil millionenfacher Mord, Krieg und Flucht nicht allzu lange her sind in Europa.

Für die Menschen, die zu uns kommen auf der Suche nach Frieden ebenso wie für uns selbst. Gegen das Vergessen eigener Geschichte und der Verantwortung, die darin begründet liegt. Gegen den Hass und für die Hoffnung.

Menschen für Menschen.

Weiterführende Links:

ProAsyl – mit vielen Informationen, wo Hilfe möglich und nötig ist.
»Wie kann ich helfen« – umfangreiche Sammlung von Initiativen und Hilfsprojekten für Flüchtlinge in Deutschland

#BloggerfürFluechtlinge – eine Initiative von Paul Huizing, Karla Paul, Nico Lumma und Stevan Paul: Blogger ganz unterschiedlicher Themenbereiche beziehen Position. Unter dem Hashtag sind zahlreiche Blogs zu finden, deren Zahl täglich wächst.
»Blogger für Flüchtlinge – Menschen für Menschen« Die dazugehörige Spendenaktion gibt es bei Betterplace.org .

»Hass, Hetze und das verbale Wettrüsten« – ein nachdenklicher Beitrag von Patrick Breidenbach.

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Olivenhain in der Messará, Kreta ©HeikeRost.com - Alle Rechte vorbehalten.Keinen friedvolleren, ruhigeren Ort könnte ich mir vorstellen als die Olivenhaine der Messará auf Kreta. Im Frühling ist der rote Boden unter den Bäumen grün: Alles blüht dort in bunter Mischung, handtellergroße Margeriten, Kräuter, Klee und viele andere Pflanzen, die in den heißen kretischen Sommern verdorren und verschwinden. Im Schatten der alten Olivenbäume lässt es sich wunderbar rasten und denken und träumen: Mit dem Rücken an die knorrigen Stämme gelehnt zum Dach aus silbrigen Blätter hinaufschauen, in dessen Lücken der blaue Himmel hervorblitzt. Die Stämme sind manchmal von Waldbränden geschwärzt, sind rauh und schrundig wie die Gesichter der alten Menschen in den Bergdörfern. Und voller Geschichten sind diese Gesichter für den, der darin zu lesen versteht. So wie die Furchen in der Rinde der Olivenbäume.

Auf den Märkten der Messará, vor allem in Moíres, findet man vieles Handgefertigte aus Olivenholz: Küchenutensilien, Schüsseln und Mörser. Bretter zum Schneiden von Gemüse und Brot, Löffel und Gabeln. Mitunter Möbelstücke und Gehstöcke. Das Holz der Bäume, das zu fast 75% aus Wasser besteht, muss entsprechend lang und sorgfältig trocknen, damit es sich nicht mehr verformt, reißt und verfärbt. Soviel Geduld und Langsamkeit wird belohnt: Es wird hart, dieses Holz, bewahrt sich wie kaum ein anderes seine lebendige Maserung und einen solch warmen Goldton. Pflegeleicht und lebenslang haltbar ist es obendrein. Ab und an muss man es einölen, dann verschwinden Kratzer und Gebrauchsspuren, das Holz schimmert wieder sanft und bekommt mit der Zeit eine samtige Patina.

Wer in den Bergen und Dörfern wandert, trifft Menschen jeden Alters mit Stöcken, denen man ihren Ursprung, den Olivenbaum, noch ansieht. Sie sind knorrig, ihre gewundenen Astgabeln zu Handgriffen geschnitzt, die sich in die Hände ihrer Besitzer schmiegen, als gehörten sie genau dorthin und nirgendwohin anders. Man sagt, so ein Stock findet einen, ohne dass man ihn suchen müsste: Was so in der Hand liegt, das bleibt und ist beständig. Das schenkt Sicherheit unterwegs, begleitet den Wanderer wie ein Stück Heimat. Gibt dem unsicher Gehenden Schutz und Halt, ist lebendig in den Fingern, warm und glatt. Und wird mit zunehmendem Gebrauch immer glatter, bis das Holz wie frisch poliert glänzt.
Bei Anogia, Kreta ©HeikeRost.com - Alle Rechte vorbehalten.Manchmal, so wie bei Anogia an den Hängen des Psiloritis, wachsen Olivenbäume an ungewöhnlichen Orten. Sie tragen keine Früchte, sind wilde Verwandte des Baumes, der von den Bauern veredelt wird, damit er Früchte trägt. Vielleicht ist ein Kern von einem Vogel in einer Felsspalte versenkt worden, hat dort langsam Wurzeln geschlagen und ist über Jahre langsam gewachsen. Hat seine Wurzeln in den Stein gekrallt, ihn zur Seite gedrückt, sich gemächlich Raum geschaffen und Furchen gesprengt, in denen sich Wasser sammeln konnte. Ist dort geblieben, sein Stamm ist mit der Zeit grau und rissig geworden wie der Berg, der sein Zuhause ist. Diese verwilderten Bäume bieten dem Wanderer und dem Hirten Schutz vor Regen und Sonne, einladende grüne Rastplätze in der Stille hoch oben am Rand der Nida-Ebene. Es ist ein schöner Ort, der einen lehrt, der Stille zuzuhören, dem Wind in den Felsen und dem Flüstern der Blätter. Manchmal ist nur noch der Flügelschlag der vorbeiziehenden Vögel zu hören in der Einsamkeit.

Gortys, Kreta ©HeikeRost.com - Alle Rechte vorbehalten.Ein besonderer Olivenbaum steht in der Messará, am Rand der antiken Stadt Górtys, auf deren Ruinen immer wieder neue Orte entstanden. Beim Wandern habe ich ihn gefunden. Rußgeschwärzte Furchen in seiner Rinde, irgendwann muss es dort gebrannt haben, vielleicht in einem der heißen kretischen Sommer. Der Olivenbaum hat das ebenso überlebt wie offensichtlich einen Blitzeinschlag vor längerer Zeit. Der gesplitterte Stamm ist wieder zusammengewachsen, direkt neben einer Säule der ehemaligen Stadt Górtys. Mit der Zeit ist der Baum um diese Säule herumgewachsen. Hat sie sanft aus der Erde gedrückt und mit seinen Wurzeln in die Höhe gehoben. Das ist Zeitlosigkeit und Langsamkeit, ist friedvolles Miteinander.

In einem langen Riß, der den Stamm teilt, sieht man die Maserung des Olivenholzes. Wie in einem Buch schließt der Baum im Inneren die Geschichte seines Lebens ein: Von Dürre und Regenzeit, von Fruchtbarkeit und Sandstürmen. Bisweilen auch von Bränden und anderen Katastrophen, die der Baum immer wieder überlebt hat. Nach Ruhepausen wächst er wieder, trägt Früchte und silbrig grüne Blätter, wird größer, stärker und schöner mit seinen Verletzungen. Die Bäume der kretischen Olivenhaine in der Messará, in deren Holz soviel sichtbar wird, sind ein Sinnbild auch für Menschen, die ich unterwegs getroffen habe: Manch einer ist an seinen Lebensspuren gewachsen und stärker geworden, hat Bränden und Blitzeinschlägen getrotzt, mit zunehmenden Jahresringen an lebendiger Maserung gewonnen. Und ist mit warmgoldenem Glanz buchstäblich »aus einem ganz besonderen Holz«.

Text und Fotos: ©HeikeRost.com – Alle Rechte vorbehalten.

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Notizen von unterwegs: »Wasserlatschen«

von Heike Rost am 20. August 2015

in Betrachtung

wasserlatschenKindheitserinnerungen auf einer Radtour mitten in den Obstäckern rund um Mainz, die immerhin Deutschland zweitgrößtes Obstanbaugebiet nach dem »Alten Land« bei Hamburg sind. Die Zweige biegen sich unter der üppigen, bunten Last von Pflaumen, Zwetschgen, Mirabellen und Reineclauden. Letztere, auch unter dem Namen »Wasserlatschen« bekannt, waren für eine Weile fast völlig vom Markt verschwunden. Heute erleben die alten Obstsorten glücklicher Weise eine Renaissance. Und schmecken immer noch saftig und süß nach Spätsommer – wie damals, vor Jahren, als das Kind durch die Obstgärten streifte, die Früchte vom Baum naschte hier und da. Kleines großes Glück ist das, immer noch. Und bleibt es.

Tante Marie, die Schwester meines Stiefgroßvaters, sagte damals über mich: »Des Kind hodd en Mage wie’n Zuchthaus. Geht alles enoi, kimmt nix wieder naus.« Womit sie vor allem ihre Verblüffung umschrieb ob der Tatsache, dass »Wasserlatschen« fieses Bauchgrimmen und mehr verursachen können, wenn man sie in größeren Mengen verputzt und dazu ordentlich Wasser trinkt. Als das Kind Kind war, frei nach Peter Handtke, tat es das. Folgenlos. Und macht das immer noch, ebenso folgenlos. So wie manches andere: Zupft Johannisbeeren von den Sträuchern, sammelt Pilze. Läuft bei Hitze durch den Rasensprenger, springt mit beiden Füßen in Pfützen, schaut unter Pflaumenbäumen liegend in den Himmel und wünscht sich Flügel. Begeistert sich für so vieles, freut sich an gefundenen, gleichsam zugelaufenen Geschichten, liebt aus vollem Herzen, lacht und weint und hört nie auf zu träumen.

Für die Ohren: Das Lied vom Kindsein (mit dem wunderbaren Bruno Ganz).

Foto: HeikeRost.com, 19.8.2015 – Alle Rechte vorbehalten.

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Prag - ©HeikeRost.com - Alle Rechte vorbehalten.
Wehe dem Gast, der im „U Zlatého Tygra“ einen der Stühle besetzt, die mit der Rückenlehne schräg am Tisch lehnen! Prompt verscheuchen den Unwissenden die emsigen Kellner, sind diese Stühle doch einzig den Stammgästen der Prager Bierstube vorbehalten, die nachmittags ab drei Uhr das kleine Lokal mit lautstarkem Leben erfüllen. Voll ist es eigentlich immer dort, Stimmengewirr im Raum, das geleerte Bierglas wird flugs durch ein frisch gefülltes ersetzt. Mancher Gast sitzt schweigend, sinnierend dort, blickt vor sich hin, denkt und träumt mit lebendiger Mimik, erzählend auch ohne Worte: Stundenlang. Gesichter voller kleiner Geschichten und Gedichte, bisweilen sind’s auch ganze Romane, die sich in den Falten und Fältchen verbergen, aus Augenringen, Stirnfalten und Mundwinkeln hervorblitzen, schelmisch, traurig, ernst oder lächelnd.

Nebeneinander sitzen am blankgescheuerten Tisch zwei ältere Herren. Die Hand am Griff des Bierglases, versunken in Gedanken. Paralleler Geradeausblick in tiefem Schweigen, gelegentlich hebt eine schwielige, knorrige Hand das Glas, ein tiefer Zug frisch gezapftes Bier, der Humpen knallt nachdrücklich wieder auf den Tisch. Immer noch Schweigen. Wie auf ein lautloses, geheimes Kommando wenden sich die beiden plötzlich einander zu. „Es ist früh kalt dieses Jahr!“ dröhnt der linke Herr seinem Nachbarn zur Rechten grimmigem Tonfalls zu. Dann wenden sich die beiden wieder voneinander ab. Geradeaus blickend, schweigend, grimassierend. Stirnrunzelnder Blick auf das fast leere Bierglas und hinüber zum Wirt, ein fast unmerkliche Bewegung des Kopfes. Nur Augenblicke später das nächste, frisch Gezapfte auf dem Tisch. Immer noch Schweigen. Über den Köpfen der beiden tickt eine große Uhr beharrlich vor sich hin, ihr Zeiger wandert gemächlich weiter. Geraume Zeit später, es mag eine halbe oder gar dreiviertel Stunde gewesen sein, wenden sich die beiden Gäste wieder einander zu: Die Hand des rechten Herrn knallt flach auf’s dunkle Holz der Tischplatte:  „Ja!“ bellt er. Kurz und bündig, nicht mehr. Gedankenverloren, in sich versunken, sinnieren sie weiter, Gedankenreflexe wortlosen Erzählens im Gesicht.

Am Tisch nebenan „bafelt“ ein gestikulierender Mann in langen, sonoren Monologen; hört ihm außer seinem unsichtbaren Auditorium einer der Biertrinker im „Tiger“ zu? Das Phantasiewort des großen Bohumil Hrabal mag hier seinen Ursprung gehabt haben, in der lauten Einsamkeit der kleinen dunklen Pivnice, auf die kein prangendes Schild und keine Speisekarte neben dem Eingang hinweist. Es ist ein seltsam schöner, fremdartiger Platz, an dem die Zeit langsamer verrinnt, gar vorüber zieht: „Das Städtchen, in dem die Zeit stehen blieb“ nannte Hrabal eines seiner wunderbaren Bücher. Stammgast war er im Goldenen Tiger, beim Bier, tagaus, tagein, bei jedem Wetter und in jeder Stimmung. So skurril und merkwürdig wie seine Geschichten, zärtlich-traurig, beobachtend einsam, beim Bier ersonnen, in einer grandiosen Mischung aus sezierter Realität und überbordender Phantasie. Schlusspunkt: Der vierte „Prager Fenstersturz“ 1997, Hrabals Todestag. Beim Taubenfüttern ist der greise, wortgewaltige Dichter aus dem Fenster gestürzt.

U Zlatého Tygra (Zum Goldenen Tiger), Husova 228/17, Staré Město, Prag. Geöffnet von 15 – 23h.

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Und Mozart kugelt sich….

von Heike Rost am 15. Juli 2015

in Beobachtung

Caféhaus ©HeikeRost.com Alle Rechte vorbehalten. Einer der feinsten Plätze zum Sinnieren ist das Salzburger Café Tomaselli am Alten Markt. Mittlerweile in der fünften Generation Familienbetrieb, ist das ehrwürdige Haus trotz der vielen Touristen ein bemerkenswert unterhaltsamer Ort. Auf charmante Weise der Zeit entrückt, wie ein Eingangstor zu einer anderen Welt: Nonchalante Herren im schwarzen Kellnerfrack nehmen mit würdevoller Miene auch die absurdesten Bestellungen der Gäste entgegen. Werden respektvoll mit »Herr Ober« oder auch mit Namen angesprochen. Ebenso wenig wie sich die Stammgäste den Befrackten gegenüber jemals im Ton vergreifen und unhöflich würden, geraten die Fliegen des schwarzbefrackten Geschwaders außer Façon. Dessen Gesichtszüge lassen niemals auch nur den Hauch einer persönlichen Meinung über Gäste und deren Benehmen erahnen. Überhaupt sind die Herren die personifizierte Diskretion, überblicken gebieterisch den Trubel in den Räumen und auf den Terrassen, währenddessen die Kuchendamen Tabletts voller süßer Leckereien schultern und von Tisch zu Tisch tragen. „Darf’s etwas Süßes sein zum Kaffee?“ Verschwenderisch üppige Nockerlntorten, Erdbeertörtchen und Blätterteiggebäckstücke prangen auf blankpoliertem Silber, jede einzelne Leckerei ist in schäumende Papierspitze drapiert, die so weiß ist wie die adretten Schürzen und Häubchen der Kuchendamen. Noch blühen die Geranien am Balkon üppig, dort flattern Taubenschwänzchen umher. Die Oktobersonne fühlt sich warmgolden an, auf dem Platz und im Gesicht.

Schräg gegenüber vom Tomaselli wird mit Akribie umdekoriert. Säuberlich geschichtete Mozartkugeln in Varianten und Stapeln, mit silbernblauem Stanniol umhüllt bei Fürstner, der die Praline erfunden haben soll. Zartbitter, nicht ganz so süß wie nebenan bei Holzermayr, dessen Rezept mehr Marzipan statt Nougat enthält. Ein ganz eigenes Vergnügen sind diese Beobachtungen im Kaffeehaus. Exquisite, heitere, manchmal ein wenig traurige Geschichten erspüren und erdenken, die beflügelt sind von beringten Händen mit Altersflecken, Runzeln und rotlackierten Fingernägeln, mit straßbebrillten Gesichtern, Falten und grauen Haaren unter wagenradgroßen Hüten. Die unermüdlichen Herren Ober servieren derweil, auf winzigen silbernen Tabletts mit Schriftzug; Einspänner, Melange oder Schokolade mit Schlag, immer mit kleinen Wassergläsern. Das ist Kaffeehauskultur zwischen Müßiggang und Arbeit,  das  tänzelt quasi daher, schwebt luftiger, leichter, lustvoller und auf geheimnisvolle Art beschwingter vom Kopf in die Tasten oder wandert ins Notizbuch. Ältere Damen mit sorgfältig manikürten Händen sitzen an kleinen Tischen, mit Mokkatassen und Kuchenteller, beim Umrühren klingeln Löffelchen in der Tasse; nebendran kichern Studentinnen, die mit den Bauarbeitern auf dem Platz schäkern und Zeitung lesende Herren versinken in Gedanken, Lektüre und Zigarre. Dann und wann schwebt ein Rauchkringel gen Balustrade und verweht.

So mancher Schriftsteller – oder der sich dafür hält – hat seinen Stammplatz, die eigene Postadresse im Kaffeehaus inbegriffen. Allerdings ändern sich die Zeiten; manchmal gehört heutzutage auch eine eigens installierte Steckdose für das Notebook dazu. Drinnen und draußen schlendern Fußgänger vorbei, ein stetiges, nicht abreißendes Gewusel in sinnlicher Gemächlichkeit. Ein paar Tische weiter, jenseits der schokoladenen Mozartkugeln, prangt eine jugendliche Besucherin des Kaffeehauses in all ihrer prallen Üppigkeit. Schnuteziehend sorgt das Vollweib für irritiertes Innehalten, staunende Blicke schweifen über das Dekolleté, das genau den einen, winzigen Hauch zu tief ist, um noch elegant zu sein. Hingerissenes Schweigen bei Gästen und Passanten, Geflüster an den Nachbartischen, die hochgezogene Braue der drallen Blondine lässt einen schlaksigen Jüngling jäh erröten. Allein der schöne Herr Svoboda im schwarzen Kellnerfrack bleibt würdevoll, ernst und völlig ungerührt. Ihm verrutschen weder Fliege noch Gesichtszüge, angesichts dieser anderen, nicht minder interessanten Mozartkugeln, die zu einer anderen Zeit selbst den sinnenfreudigen Wolfgang Amadé hätten schwelgen und schwärmen lassen.

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Geschützt: Wolfsspuren

von Heike Rost am 17. Juni 2015

in Begegnung

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Schlaflosgedanke

von Heike Rost am 11. Juni 2015

in Betrachtung

Morgenlicht in Rheinhessen.  ©HeikeRost.com - Alle Rechte vorbehalten. Aufwachen vom Konzert der Vogelstimmen, draußen im Dunkelgrau des Morgens. Dem neuen Tag entgegenspüren, mit allen Sinnen. Die frühe Stille der sonst laut gewordenen Welt fast mit Händen greifen können. Dem Licht und seinen Geschichten zuhören, dessen Veränderungen und Schattierungen betrachten. In der Stille zwischen Nacht und Tag ist Kraft. Und manchmal erkennt man um diese Zeit des Schweigens in den kleinen Dingen, wie groß das Leben ist… und die Liebe.

»Liebe besitzt nicht, noch lässt sie sich besitzen. Liebe allein genügt der Liebe.« schrieb Khalil Gibran. Den kompletten Text gibt es hier.

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