Notizen von unterwegs: »Wasserlatschen«

von Heike Rost am 20. August 2015

in Betrachtung

wasserlatschenKindheitserinnerungen auf einer Radtour mitten in den Obstäckern rund um Mainz, die immerhin Deutschland zweitgrößtes Obstanbaugebiet nach dem »Alten Land« bei Hamburg sind. Die Zweige biegen sich unter der üppigen, bunten Last von Pflaumen, Zwetschgen, Mirabellen und Reineclauden. Letztere, auch unter dem Namen »Wasserlatschen« bekannt, waren für eine Weile fast völlig vom Markt verschwunden. Heute erleben die alten Obstsorten glücklicher Weise eine Renaissance. Und schmecken immer noch saftig und süß nach Spätsommer – wie damals, vor Jahren, als das Kind durch die Obstgärten streifte, die Früchte vom Baum naschte hier und da. Kleines großes Glück ist das, immer noch. Und bleibt es.

Tante Marie, die Schwester meines Stiefgroßvaters, sagte damals über mich: »Des Kind hodd en Mage wie’n Zuchthaus. Geht alles enoi, kimmt nix wieder naus.« Womit sie vor allem ihre Verblüffung umschrieb ob der Tatsache, dass »Wasserlatschen« fieses Bauchgrimmen und mehr verursachen können, wenn man sie in größeren Mengen verputzt und dazu ordentlich Wasser trinkt. Als das Kind Kind war, frei nach Peter Handtke, tat es das. Folgenlos. Und macht das immer noch, ebenso folgenlos. So wie manches andere: Zupft Johannisbeeren von den Sträuchern, sammelt Pilze. Läuft bei Hitze durch den Rasensprenger, springt mit beiden Füßen in Pfützen, schaut unter Pflaumenbäumen liegend in den Himmel und wünscht sich Flügel. Begeistert sich für so vieles, freut sich an gefundenen, gleichsam zugelaufenen Geschichten, liebt aus vollem Herzen, lacht und weint und hört nie auf zu träumen.

Für die Ohren: Das Lied vom Kindsein (mit dem wunderbaren Bruno Ganz).

Foto: HeikeRost.com, 19.8.2015 – Alle Rechte vorbehalten.

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