Über das Vergnügen an Briefen

von Heike Rost am 16. April 2015

in Betrachtung

Briefe schreiben ist eine Freude eigener Art. Nichts daran ist für mich altmodisch: Nicht elegantes Schreibwerkzeug, nicht feines Papier, das unter den Fingern raschelt und knistert, dessen Unebenheiten und Hadern im geschöpften Material das Handwerk sichtbar machen. So wie das Schreiben an sich nicht nur Kopf-Werk, sondern auch Hand-Werk ist: Gedanken sortieren, auswählen – und fließen lassen. Nachdenklich über Formulierungen sinnieren, über Satzstrukturen, Wortwahl und Sprachjonglage. Worte statt Wörter finden, aneinander reihen wie Perlen auf eine Kette. Mal mit Füllfederhalter, ab und an mit Gänsefedern oder metallenen Federn im Federhalter schreiben, mit Tintenfass und Tinte in unterschiedlichen Farben. So wird jeder Brief ein Unikat, ein Zeichen der Zuneigung und Wertschätzung für den Menschen, an den er adressiert ist. Bisweilen lege ich Kleinigkeiten dazu, eine bunte Vogelfeder, ein Blatt, eine getrocknete Blüte. So wie damals, als ich umgeben von Kollegen in einem Konferenzzentrum saß. Hektisches Hacken und Tippen auf Laptop-Tastaturen um mich herum; und eine Menge entgeisterter Blicke, als ich zwischendrin ein paar Bogen handgeschöpftes Papier, ein Tintenfässchen und eine Schreibfeder samt Federhalter auspackte, um in aller Seelenruhe einen Geburtstagsbrief an einen Freund aus Kindertagen zu verfassen.

Manche Persönlichkeit der Geschichte sehe ich vor mir, in Gedanken. Stelle sie mir gerne beim Verfassen ihrer Briefe vor, an einem Lieblingsplatz sitzend, vielleicht so wie ich eine Kaffeetasse oder die Teekanne in Reichweite. Sinnierend und denkend wie Voltaire, der viele interessante, geistreiche und kontroverse Diskussionen mit Friedrich dem Großen führte, gelegentliche heftige Meinungsverschiedenheiten und längeres, erbostes Schweigen inbegriffen. Die Herren Goethe und Schiller, deren Schriftwechsel ein lebendiges Bild ihrer Epoche zeichnet und die ebenso oft herzhaft miteinander stritten, was der gegenseitigen Sympathie und dem Gedankenaustausch keinerlei Abbruch tat. Oder auch Liselotte von der Pfalz, als junges Mädchen in die Fremde verheiratet aus politischen Gründen. Ihre Briefe, wiewohl oft ungelenk geschrieben und voller Krakel, verraten einen wachen Geist, eine Kämpfernatur und intelligente Frau, die sich erfolgreich ihrer Umgebung aus höfischen Intriganten und ungeliebten, angeheirateten Verwandten und deren Zwängen widersetzte. Die Sympathie des Königs war ihr dennoch gewiss: Ludwig XIV. wusste soviel Aufrichtigkeit inmitten seines Hofstaats zu schätzen und brachte der als ungehobelte Ausländerin verunglimpften »Madame« große Zuneigung entgegen.

Ihren Mann Philipp I. von Orléans hingegen, der sich mehr für seine Höflinge denn die Pfälzerin an seiner Seite interessierte, sollen ihre Beschreibungen seiner Eskapaden des öfteren an den Rand eines Tobsuchtsanfalls gebracht haben. Knapp 5.000 Briefe von Elisabeth Charlotte, genannt Liselotte, sind erhalten geblieben. Vergleichsweise wenig, denn geschrieben haben soll sie eine gewaltige Menge – die Rede ist von geschätzten 60.000 (!) Stück; bei knapp 70 Lebensjahren entspricht das einer rechnerischen Tagesleistung von zweieinhalb Briefen, in denen Liselotte von der Pfalz Heimweh und gesellschaftlicher Isolation am Hof des Sonnenkönigs entfloh. Mit ihrer eigenwilligen Orthographie, beachtlich deutlicher Wortwahl und praller Schilderung des Alltags am Hofe Ludwig XIV. sind diese Wortwerke ein Lesevergnügen der besonderen Art. „Madame sein ist ein ellendes Handwerck…“ schrieb sie über ihr Leben am französischen Hof.

Überhaupt sind Briefe vergnügliche, unterhaltsame, bisweilen melancholische oder traurige, immer aber aufschlussreiche Lektüre. Verfasst von historischen Persönlichkeiten, von Politikern, Schriftstellern und Musikern, eröffnen deren Geschichten, Schreibstil und Diktion Einblicke in vergangene Zeiten. Und Handschriften … was könnte soviel Einblick in den Charakter von Menschen eröffnen wie seine Handschrift? Die elegante Schrift Katharinas der Großen, die überwiegend in französischer Sprache ihre Korrespondenz pflegte. Rousseaus gezirkelt präzise Briefe, Abbild der sortierten Gedanken des Philosophen. Marie Antoinette mit ihrer bemühten, seltsam kontrollierten Schrift. Und die Tänzer Isadora Duncan, Anna Pavlova und Vaslav Nijinsky, deren Autographen einem Tanz auf Papier ähneln. Colettes verspielte, schwungvolle Schriftzüge, die Briefe von Pablo Neruda, der bisweilen das leidenschaftlich Geschriebene mit kleinen Zeichnungen ergänzte. Ebenso wie Federico Garcia Lorca, Federico Fellini, Joan Miró oder Diego Rivera, die allesamt viele ihrer Briefe mit kleinen Bildern versahen.

Schöne Sprachbilder allesamt, ebenso gute Gründe, gerne zu schreiben: Von Hand, an Menschen, die ich schätze, die mir nahestehen und wichtig sind. Und immer wieder freue ich mich ebenso über handgeschriebene Briefe in meinem Briefkasten. Sie sind Momente der Freundschaft und Wertschätzung, auf liebenswerte und -würdige Art aus der Zeit gefallen. Oft Sprachkunst und Bilderwelten, sind sie mitunter sinnliches Lesevergnügen, liebevolle kleine Grüße und amüsante Gedankenblitze. Manchmal schnell aufs Papier geworfen oder in elegant gezirkelter Kalligraphie, bisweilen mit energischen Schwüngen, aus denen – gemeinsam mit der Art des Formulierens – ein sehr lebendiges Bild des Absenders aufblitzt. Immer aber sind Briefe für mich Augenblicke des Innehaltens, der Ruhe und des Nachdenkens jenseits einer schnellen Tastenwelt zwischen elektronischer Post und Internet.

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