Paris – Istanbul

von Heike Rost am 13. Januar 2016 · 1 Kommentar

in Betrachtung

today »Warum hast Du Dein Profilbild eingefärbt, wo doch anderswo ebenso schlimme Anschläge geschehen sind? Sind sie Dir weniger wichtig, die Toten Dir weniger wert?« Fragen, die mir nach den Anschlägen von Paris im November mehrfach gestellt wurden. Jetzt, nach dem Anschlag in Istanbul, ebenso – überwiegend von muslimischen Kollegen und Freunden.

Damals wie heute ist meine erste Antwort dieselbe: Leben lässt sich nicht gegen Leben aufwiegen, Tod nicht gegen Tod. Meine zweite Antwort ist ein Bild, keine Flagge. In die Silhouette einer Moschee habe ich die Worte »One World« eingefügt. Weil ich nicht mit einem #pray und auch nur dem Ansatz von Religion antworten mag angesichts von Taten und Täter, die sich auf eine Religion berufen und morden. Und habe lange überlegt, ob ich dieses Bild überhaupt veröffentliche. Die gestellten Fragen waren Grund dafür, es doch zu tun.

Meine dritte Antwort ist eine sehr persönliche: Die Trikolore, mit der ich nach den Anschlägen von Paris kurzfristig mein Profilbild eingefärbt habe, symbolisiert für mich nicht La Grande Nation, über die man sich sicherlich trefflich streiten kann. Ihre Farben stehen für die Werte der Französischen Revolution: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Im Sinne von »One World«, weil sie überall auf dieser Welt gelten (sollten). Und der Stadt Paris bin ich seit langen Jahren eng verbunden; weil ich dort längere Zeit verbracht habe und verbringe, Menschen aus vielen Kulturen getroffen habe, die Kollegen und Freunde für mich wurden und sind.

Die Begegnung mit ihnen hat mich geprägt und tut es noch, ob als Mensch, Journalistin oder Photographin. Die Orte der Anschläge – ob Charlie Hebdo, die Rue des Rosiers, das Bataclan oder die umliegenden Restaurants – kenne ich, seit ich als Teenager das erste Mal in Paris war. Zu dieser Verbundenheit mit Paris und den Menschen dort gehören viele nächtelange Gespräche. Nicht immer, ohne über gegensätzliche Meinung, Lebensstil, Weltanschauung leidenschaftlich zu streiten. Aber immer in gegenseitigem Respekt. Die ein oder andere Freundschaft erwies sich erst nach heftigem Streit als tiefe Verbundenheit.

Das macht für mich die Anschläge von Paris in einer anderen Art schmerzhaft und entsetzlich. Was nicht heißt, dass ich Istanbul, Beirut oder anderswo begangene Anschläge in irgendeiner Weise »weniger schlimm« finde oder sie mich nicht interessieren. Was wäre das für eine merkwürdige Sicht der Dinge angesichts einer Welt, die immer kleiner, täglich ein wenig zerbrechlicher und beängstigender zu werden scheint?

Vielleicht können Menschen erst dann das wahre Ausmaß von Krieg, Katastrophen und mörderischer Gewalt erkennen, wenn die Abstraktion von Opferzahlen ein menschliches Gesicht bekommt: Die Leichenberge nach der Befreiung von Auschwitz, die Massengräber im ehemaligen Jugoslawien, die Flüchtlingstragödie im Mittelmeer – drei Beispiele der neueren Geschichte. Ich hab dazu Bilder im Kopf, im Sinne dieses »menschlichen Gesichts«. Margaret Bourke-Whites Bilder der befreiten Häftlinge von Buchenwald, hinter Stacheldraht, mit Haut überspannte, lebende Skelett.
Ein Foto von Peter Turnley – von einem weinenden Flüchtling aus Kosovo-Albanien, der Bilder seiner Angehörigen in der Hand hält. (Auch hier Bilder ausgemergelter Menschen hinter Stacheldraht.) Und das furchtbare Bild des ertrunkenen Flüchtlingskindes Alan Kurdi.

One world. So wie ich es auf die Silhouette der Sultan-Ahmed-Moschee schrieb, die in diesem Bildausschnitt kaum von der Hagia Sophia zu unterscheiden ist, wenn man die Gebäude nicht kennt oder genauer betrachtet. Beide Moscheen sind für mich Symbole: Die Hagia Sophia und ihre wechselvolle Geschichte zwischen Christentum und Islam; wenn überhaupt Religion, sehe ich diese Moschee als geistige Brücke und Verbindung zwischen zwei Welten – aufgrund ihrer Geschichte ebenso wie aufgrund ihrer Nachbarschaft seit Jahrhunderten.

P.S. Wie immer haben persönliche Perspektiven einen Haken: Sie sind nicht verallgemeinerbar.

Im Text erwähnte Orte und Bilder:
Die »Nachbarn« Hagia Sofia und Sultan-Ahmed-Moschee
Die Sultan-Ahmed-Moschee und ihre Geschichte
Die Hagia Sophia und ihre Geschichte
Peter Turnleys »Moments of the Human Condition«
Das Bild des weinenden Mannes
Margaret Bourke-Whites Bilder der Befreiung von Buchenwald
Alan Kurdi, das ertrunkene Flüchtlingskind

Älterer Beitrag:

Nächster Beitrag: