Notizen von unterwegs: Weihnachtszeit

von Heike Rost am 4. Dezember 2015

in Betrachtung

Räuchermännchen ©HeikeRost.com 2015 - Alle Rechte vorbehalten.Keine Adventszeit ohne diesen Herrn hier, der aus dem Nachlass meiner Großmutter und schätzungsweise den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts stammt. Schon damals haben ihn die Kinder der Familie geliebt und mit glänzenden Augen bestaunt, wenn er endlich ausgepackt wurde aus seinem Versteck: Pünktlich zum ersten Dezembertag kam ein kleiner, abgegriffener Karton zum Vorschein, der das ganze Jahr über in einer dunklen Ecke des großen Wohnzimmerschranks – der mit dem »guten« Geschirr und den »guten« Gläsern – verstaut schlummerte. In knisterndes, raschelndes Seidenpapier eingehüllt, lag darin der Jäger aus dem Erzgebirge.

Und was hat das Kerlchen nicht alles gesehen von der Welt! Spannende Geschichten wären das, könnte das Männchen in Grün sprechen: Berlin im Zweiten Weltkrieg, mit Bomben und Luftschutzkellern. Evakuierung nach Keller in Brandenburg, Einmarsch der Alliierten, Nachkriegszeit zwischen Hunger, Luftbrücke und Trümmern. Er stand immer auf dem Weihnachtstisch, manchmal als einziger Schmuck; dann, wenn es keine Kerzen und keinen Weihnachtsbaum gab in den Kriegsjahren und danach. Die 50er mit Nierentisch und Tütenlampe, mit Cocktailsesseln und Petticoats. Die 68er hat das Räuchermännchen unbeschadet und unbeanstandet überstanden, selbst in der wildesten Flowerpower-Hippie-Hair-Zeit gab es keine Adventszeit ohne ihn. Mehrere Umzüge hat er mitgemacht, das neugierige Kleinkind Heike überlebt (das alles auseinander zu schrauben pflegte – bis auf diesen Herrn im Försterlook). Zwischendrin hat er seine Pfeife verloren und eine tagelange Suche danach ausgelöst. Mit glücklichem Ausgang, sie fand sich in einer Ritze des Schranks wieder. Ebenso wie das Vögelchen auf der Schulter des grünen Jägerrocks, das irgendwann verschwunden war.

Der Karton ist immer noch derselbe, die raschelnde Seidenpapierumhüllung auch. Und heute wie damals wird der kleine hölzerne Jäger pünktlich zum ersten Dezembertag ausgepackt, um bis zum 6. Januar seine Pfeife zu schmauchen. Die Räucherkegelchen sind übrigens auch immer noch dieselben; auf dem Weihnachtsmarkt erstanden, früher für 99 Pfennige, heute für 99 Cent. In kleine Pappschachteln in unterschiedlichen Farben verpackt. Sie lassen den Duft schon ahnen und klappern so schön, wenn man sie sanft schüttelt. Weihnachten, das ist für mich Duft: Nach frischgebackenen Keksen, Mandarinen, Tannenzweigen – und das Räuchermännchen meiner Großmutter gehört als Kindheitserinnerung dazu.

©HeikeRost.com 4.12.2015 – Alle Rechte vorbehalten.

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