Notizen über Sprache und Bilder

von Heike Rost am 27. Januar 2015

in Betrachtung

Die Welt der Bilder für mich immer eng mit Sprache verknüpft, ebenso mit anderen Sinnesebenen: Gerüche, Klänge, Erlebtes, Er-lesenes und Erinnertes formen meine Wahrnehmung, mein Sehen. Der Rhythmus mancher architektonischer Linienführung lässt mich in Gedanken Musik hören, manchmal auch einzelne Farbtupfer in monochromer Umgebung: Zwischen Bach und Keith Jarrett ein Kontrapunkt – aus einem einzelnen rotgefärbten Blatt, das sich zwischen Ranken und Graffiti dem Winter verweigert. Eine Reihung von Bögen an einem Gebäude der Renaissance, unterbrochen von Ornamenten, endet in den klaren Linien eines Portals; Bilder, wie zusammengefügt aus Kadenzen und Trillern, mit Schlussakkord und Paukenschlag.

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Am Tag vor den Anschlägen auf Charlie Hebdo und den Supermarkt aus Paris zurückgekehrt, begann ich kurz danach, Michel Houellebecqs Roman »Unterwerfung« zu lesen. 50 Seiten zähen Einstiegs und einige Zweifel später versank ich in dem Werk wie schon länger nicht mehr in Literatur. Gefesselt von Parallelwelten, Gedankenmäandern und Querverweisen, wie ich sie liebe, ob in Büchern oder in Konversationen: »Dieses Buch hat Krallen« hätte Kafka dazu sagen können; durch den präzisen Blick des Autors vor dem inneren Auge entstanden, begleiten einen manche Gedankenbilder für längere Zeit. Selbst dann, wenn das Buch schon wieder im Regal steht, wandern die Gedanken zurück, sammeln Schnipsel und Versatzstücke ein, kombinieren, puzzlen, erkennen und bewerten neu.

Oft ändert sich im Nachhinein die Perspektive auf bereits Gesehenes und Photographiertes, entwickelt ein verblüffendes Eigenleben. Ein Sonntagsspaziergang entlang der Seine-Quais in Paris war der Anfang. Ich staunte über die Statue des Marquis de Condorcet, gefangen in eigentümlicher Umgebung aus Baucontainern vor antiken Häusern. Haussmann im Hintergrund, Neuzeit im Vordergrund, eine präzise Konstruktion, die mich an die mathematischen Abhandlungen Condorcets denken ließ. Die grünlich-blaue Farbigkeit wiederholte sich in den Dächern der alten Häuser und den Schatten der Bronzefigur. Wie hätte das wohl der Marquis betrachtet, der nicht nur über Zahlen, sondern auch ein Wahlrecht für Frauen schrieb und dessen Standbild eher nachdenklich auf die vorbeilaufende Frau zu blicken schien?

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Zurück zu Condorcets Statue, zu deren Photographie ich einige Tage nach Houellebecq zurückkehrte: Der Blick ins Archiv war verbunden mit einer ganz anderen Erinnerung an das letzte Werk des Marquis, »Esquisse d’un tableau historique des progrès de l’esprit humain«. Kurz vor seinem Tod entstanden, skizziert Condorcet den Fortschritt des menschlichen Geistes im Lauf der Geschichte – und verortet alle Tyrannei in mangelnder Bildung. Welche Parallele zu vielen aktuellen Debatten um Gewalt und Extremismus! Was läge also näher, eine Originalausgabe des Werks zu kaufen; über den gedanklichen Rösslsprung zu Condorcet hinaus liegt auf dem Bücherstapel auch gerade das ein oder andere Werk von Joris-Karl Huysmans, dem historischen Alter Ego von Houellebecqs Romanfigur François in »Unterwerfung«.

Der zu lesende Festmeter Bücher wird ergänzt von einem Buchregal im Kopf, sozusagen. Wie von einer neugierigen Hand angestupst, purzeln immer wieder auch bekannte Werke heraus, angeschubst von Bildern, von ganz anderer Lektüre. Huysmans gehört dazu, der immer wieder über sein so facettenreiches wie aus Überfluss wert-loses Leben schrieb und sich zuletzt der Religion unterwarf: Wie Houellebecqs »François« auf der Suche nach Maßstäben, Einfachkeit und Halt in einer hochkomplexen Welt, die alle Optionen und grenzenlose Wahlmöglichkeiten bietet – und an genau diesem Überfluss scheitert. Endstation Sehnsucht, eingefangen im sehnsüchtig hypothetischen Schlusssatz von »Unterwerfung«: Er hätte nichts zu bereuen.

Und so entsteht aus den gesehenen, photographierten, erlebten, erinnerten und er-lesenen Bildern Neues aus Sprache und in Bildern. Das »Wandeln zwischen den Welten« ist immer spannend, interessant, ist Bereicherung des Denkens und Sehens; und fühlt sich bei Ausflügen in die Ausschließlichkeit einer einzelnen Hemisphäre an wie »nach Hause kommen« – zu einem Ganzen, das mehr als nur die Summe seiner Teile ist.

(Übrigens: Gerne sagt man Photographen nach, dass sie in der Welt der Sprache nicht wirklich zuhause seien, ihre Bilder nur ein bloßes Abbild der Realität, eingefangen in einem reflexhaften Zusammenspiel aus Sehen und Zeigefingerkrümmung im richtigen Moment. Das Abbilden überlagere die Worte und Wörter und bedürfe selten der eigenständigen Gedanken: »Mach einfach ein Bild«, heißt es dann, »Du bist doch Photograph(in)!«)

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