Nachtgedanken

von Heike Rost am 5. März 2017

in Betrachtung

»Ich mag dich nicht immer – aber ich liebe dich immer!« sagte mein Großvater zu meiner Großmutter. Immer dann, wenn sie sich gestritten haben, unterschiedlicher Meinung waren. Sieben lange Jahre haben sie aufeinander gewartet, bis ihre Familien mit einer Hochzeit einverstanden waren. So war das damals, als die beiden sich gefunden haben, sie die Liebe seines Lebens so wie er ihre. Und nie gingen sie abends zu Bett, ohne sich in den Arm zu nehmen. Sie wollten die manchmal durchaus bösen Worte nicht in den nächsten Tag mitnehmen…

Einige Jahre, bevor ich zur Welt kam, starb mein Großvater; ich hätte ihn gerne kennen gelernt. Dennoch begleitet mich seine Bemerkung über die Liebe. Oft genug habe ich sie als wichtig und wahr empfunden, auch in ganz anderem Zusammenhang. Ob in der Begegnung mit Menschen oder in Beziehungen aller Art von Freundschaft bis Liebe – die Haltung, die in diesem schlichten Satz versteckt ist, hat viele Facetten, über die nachzudenken sich lohnt.

Loyalität: Ein großes Wort, das auch im Kleinen wichtig ist; dann, wenn jemand etwas nicht gut kann – oder gar nicht. Kein Grund, auf jemanden herabzusehen. Aber auf jeden Fall Grund, genau dann Hilfe anzubieten und zuzupacken, wo nötig. Im Nachhinein gehört auch dazu, diese Hilfe weder aufzurechnen oder Gegenleistungen zu erwarten, noch sich anderen gegenüber darüber zu mokieren oder sich damit zu brüsten.

Respekt: Auch ein großes Wort. Aber wer von uns weiß schon, welche Kämpfe, Schmerzen und Geschichten jemand im Lauf seines Lebens erlebt, führt und mit sich trägt? Glücklich ist derjenige, dem Einsicht geschenkt wird, wenn das Gegenüber sein Schneckenhaus für einen Moment öffnet. Jemand anderem Schmerz zu offenbaren ist selten gleichbedeutend mit Schwäche, sondern vielmehr mit Mut. Und sollte viel öfter bedeuten, dann eine Hand zu reichen, zu umarmen oder einfach da zu sein.

Achtsamkeit: Ein überstrapazierter Begriff,  dennoch grundsätzlich wichtig. Wer genau hinsieht, -hört und -spürt, erkennt in Menschen bisweilen ganz anderes. Wie oft entpuppt sich robustes Auftreten als Unsicherheit oder gar Angst: vor Zurückweisung – oder vor Verlassenwerden. Das Gefühl des »nicht genug sein« bringt manchen Menschen dazu, sich überraschend merkwürdig, agressiv, schroff zu verhalten. Wendet sich das Gegenüber ab, bestätigt das die eigene Angst: »Ich hab’s ja gewusst.«

Mir fielen noch viele Worte ein. Demut, Verzeihen, Güte … vielleicht für einen anderen Blogpost, vielleicht auch nicht. Eins aber bleibt von meinem Großvater und ebenso von meiner Großmutter, die mir so oft von ihm erzählte: »Ich mag dich nicht immer, aber ich liebe dich immer.«

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