Morgenwette in 3400 Zeichen

von Heike Rost am 2. März 2017

in Betrachtung

Eine morgendliche Runde im Wintersonnenschein, über Felder und Wiesen: Unter den Sohlen bricht knirschend die dünne Eisschicht der Pfützen. Zweige funkeln im Licht; winzigen Prismen gleich, leuchten in den Reifkrusten kleine Regenbogen. Es ist so hell, selbst eine Sonnenbrille schützt nicht vor dem gleißenden Licht. Wie Scherenschnitte reihen sich die Silhouetten der rheinhessischen Hügel; zwischen ihnen liegt leichter Dunst. Vogelzwitschern in den Hecken und Knicks, so heißen die Grenzen zwischen den Feldern. Ein bißchen Frühling, einige winzige Blüten einer Wildblume im windgeschützten Winkel. Nur nicht pflücken, ein kleines Winterwunder verdient es, dort weiter zu blühen.

Die windstille Luft schmeckt rein und frisch, es prickelt und kitzelt im Gesicht. Fingerspitzen in Wolle gehüllt, fröstelnd mit Pullover und Steppweste, die Füße in Stiefeln: Frost zwickt in die Zehen, den Wollsocken zum Trotz. Es ist ein Morgenvergnügen sondergleichen, sich zwecks Gehirnentlüftung ordentlich zu bewegen. Einerlei bei welchem Wetter, diese eine Stunde

gehört nur mir. Nichts stört die Stille, in der die Ideen für meine Bilder und Texte entstehen. Ich suche sie selten, meist finden sie mich, unterwegs, im Vorübergehen. Ein Kollege wettete frühmorgens mit mir. Um feinen Winzersekt, einen Text, den ich im Gehen durchdenke: Ein Text, dem eine Kleinigkeit fehlt, nicht sofort ersichtlich, dennoch: Verschwunden. Schmunzelnd kehre ich ins Büro zurück. Durchkühlt, ein wenig fröstelnd, bester Stimmung dennoch. Es geht, wird gehen, ich bin sicher. Der Sekt lockt.

Der Teekessel, irgendwo ertrödelt und poliert, summt und pfeift. Tee muss her, zwecks Beflügelung von Fingern und Worten. „Klönpott“ heißt der große Becher im Norden; es ist die richtige Größe für Denksport, für Ideen, die durch meine Gehirnwindungen huschen und trippeln. Merkwürdiger Weise gebe ich bei solchen Unternehmungen immer noch dem Bleistift, bisweilen Feder und Tinte den Vorzug. Kein schnödes Getippe, sondern viel lieber stille, schwungvolle Schrift, schöne Notizbücher mit feinem Stoff oder Leder überzogen. Worte suchen, finden, wieder verwerfen, Formulierungen zurecht drechseln, ein Ideenfeuerwerk in Form ziselieren – Schreiben ist immer wieder lustvolle Freude für mich.

Zwischendrin stört Telefonklingeln meine Versenkung in diesen Text. Kein größeres Problem, eher willkommen, wenn sich die Worte zu verheddern drohen: Fenster öffnen, tief Luft holend, her mit frischem Tee! Ein vorwitziges Eichhörnchen sitzt neugierig vor dem Fenster und scheint so wie ich die Wintersonne zu genießen. Schnuppert. Die Nuss zwischen meinen Fingerspitzen ist zu verlockend, die Vorsicht ist endlich: Kleine Pfötchen stibitzen die Leckerei. Mit Keckern flüchtet es in die wippenden Zweige; knirschend wird die Nuss verputzt, ihre Reste werden ins Rosenbeet geworfen. Die Welt ist leichtfüßig heiter mit rotem Pelz für einen Moment. Weiter geht es mit Textdrechselei, Tee und Keksen, Sonne hell im Fenster.

Die Bleistiftnotizen, erst ein wirres Gewusel von Einzelteilen, werden strukturierter. Die Idee wird Form, wird zur Geschichte der Wette und ihrer Umsetzung in einen Text. Schreiben ist für mich ein wenig wie Musik: Einzelne Töne und Noten werden zu Melodie und Lied – so wie Wörter und Worte sich zu Texten reihen. (Melodie sind sie hoffentlich beide.)

… der edle Winzersekt vom Lieblingsweingut gehört jetzt mir. Ohne A.

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