Betrachtung

Herbstspaziergangsnotizen


Die Jahreszeiten spüren mit allen Sinnen: im Frühling den Duft nasser Erde und erster Blüten. Im Sommer den Wind von den Feldern, warm durchglüht, manchmal staubig und trocken, bisweilen nach Gewittern von samtiger Feuchte, in der sich die Haare sanft kräuseln.

Im Herbst den Rauch der Ackerfeuer schnuppern. Sich die klammen Hände an den heißen Kartoffeln wärmen, deren Schale geschwärzt ist von der Glut. Morgens mit den Fingern Muster und Zeichen malen in die dünne Eisschicht auf Autofenstern und Motorhauben. Auf langen Spaziergängen am Meer den eisigen Wind spüren, der die Wangen rötet und in die Nase zwickt. Dicke Socken in den Wanderschuhen, warm eingepackt mit Schal, Steppweste und Pullover. Im Abendlicht nach Hause kommen.

Nach Hause. Zu Kaminfeuer und Teekanne, aufs Sofa, im Schneidersitz und in die Felldecke gekuschelt ein Buch genießen. Ob allein oder mit Lieblingsmenschen: was für ein Luxus. Einer, dessen Wert und Zerbrechlichkeit einem gelegentlich vielleicht entfällt und an den einen das frostige Wetter wieder erinnert.

Beim Stöbern im Lieblings-Buchantiquariat stieß ich auf einige vergessene Schätze der Literatur. Darunter auf einen Satz, den die Schriftstellerin Marlen Haushofer schrieb: »Sie bereute nichts, das Leben war schön, grauenhaft, sanft und ohne Gnade und immer stärker als ihr Herz…«.

Foto: HeikeRost.com 11.10.2015 – Alle Rechte vorbehalten.