Über heimliche Laster und seltsame Komplimente

von Heike Rost am 8. April 2015 · 1 Kommentar

in Betrachtung

Haustürsprüche meines Lieblingspostboten: »Wenn ich Ihnen Päckchen mit Computerteilen bringe, kriegen Sie immer genauso glänzende Augen wie meine Frau im Schuhladen!« Recht hat er und das gleich in doppelter Hinsicht; denn mit meiner Schuhgröße sehen selbst die edelsten Teile hipper Schuhdesigner nicht mehr sonderlich elegant aus – sofern sie überhaupt zu haben oder erschwinglich sind. Offenbar habe ich die Verteilung der Attribute »klein« und »niedlich« glatt verschlafen oder war abwesend; was sich beileibe nicht nur auf meine großen Füße, sondern auch die restlichen 182 cm der »Lichtmalerin« bezieht. Nun gut, ich hab halt andere Laster. Irgendwie ist das wie früher in Kindergarten und Grundschule: Schon damals war ich lieber damit beschäftigt, mich herzhaft mit meinen Kumpels zu raufen, auf Apfelbäume zu klettern und mit Hammer, Säge und Schraubenzieher bewaffnet allem zu Leibe zu rücken, was sich auseinander nehmen und wieder zusammenbauen ließ. Nie blieben Teile übrig. Puppen? Ach herrjeh, Fehlanzeige. Mädchengedöns von Gummitwist über Handarbeitskurs bis »Kuchenbacken« in der Sandkiste? Gähnend langweilig für mich.

Also lieber eine Werkzeugkiste in passabler Größe, mit gut sortiertem Inhalt. Deren Anschaffung verblüffte übrigens weiland den großartigen Hans Dieter Hüsch am Rande eines gemeinsamen Fototermins ganz ungemein: Mein Blick schweifte beim Frühstück an ihm vorbei, blieb am Baumarkt in der Nachbarschaft des Hotels hängen. Flugs entschuldigte ich mich für fünfzehn Minuten, um wenig später freudestrahlend zum Frühstückstisch zurückzukehren. Eine gewaltige Metallkiste unter dem Arm, knallrot, ausziehbar wie eine Ziehharmonika, mit zahllosen Fächern, für schlappe zwanzig Märker erworben. Hans Dieter Hüsch, ansonsten als wortgewaltig und eloquent bekannt, hat es damals glatt die Sprache verschlagen. Minuten später rang er sich zu ein paar Worten durch: »Wenn’s ein Pelzmantel gewesen wäre oder wenigstens teure Klunker, könnte ich Ihr Strahlen ja verstehen. Aber eine Werkzeugkiste? Sie sind echt ein seltenes Exemplar.« (Ja, kann sein. Ich find’s ziemlich normal, andere anscheinend weniger.)

Ein, zwei Jahre später sorgte eben diese Handwerkerkiste für einen legendären Dialog mit einem Vermieter: »Sie haben aber Superwerkzeug und so gut sortiert!« sagte der gute Mann zu meinem damaligen Lebensgefährten. Der, eher aus der Kategorie Geistesmensch mit zwei linken Händen, zuckte die Achseln und deutete lässig mit dem Daumen über seine Schulter: »Gehört meiner Frau. Finger weg, nicht drin rumwühlen, das gibt so richtig ordentlichen Ärger mit ihr.« Dem netten Hauseigentümer klappte hörbar die Kinnlade herunter, mitfühlend klopfte er meinem Mann auf die Schulter und reichte ihm wortlos eine Bierflasche. Jahre später sind Vermieter, Haus und Mann Geschichte. Die Werkzeugkiste nebst Inhalt gibt’s allerdings immer noch, wie auch die übrigen Beschäftigungen. Irgendwie ist das ein bisschen wie früher, damals mit den Kumpels in der Sandkiste: Computerschrauben, Motorradfahren, Zigarren, Rotwein, Reihenfolge beliebig. Ich tauge nicht fürs Damenprogramm offizieller Termine, maximal zehn Minuten ertrage ich Gespräche über Mode, Haarkünstler, Klamotten und – Schuhe. Unterhaltsam ist das allemal.

So amüsant wie damals, nach einer Reihe betagter, aber preiswerter Autos mit Eigenleben. Sie brachten mir bei, nicht nur per nächtlichem Gehämmer mit dem Gabelschlüssel auf dem Anlasser und anderen Teilen den Kisten auf die Sprünge zu helfen, sondern mich dank deren Zickigkeit auch um ihr Innenleben zu kümmern. Wie bei dem Jeep, den ich seinerzeit innig liebte: Durch die Cevennen und die Gorges du Tarn rauf und runter, mit Zelt und Schlafsack unterwegs auf einspurigen Pisten. Rechts senkrecht nach oben, links in die Tiefe oder andersherum. Allerdings mit Gegenverkehr und Millimeterarbeit beim Passieren. Nette Zeiten, wirklich. Weniger nett: Der permanente Stress mit Verteilerkappe und Nässe, des öfteren lief der Motor nur auf einem Teil seiner Zylinder. Die Lichtmaschine wollte irgendwann neue Kohlestifte, die Probleme mit dem einzigen elektronisch gesteuerten Bauteil der ganzen Karre (Benzin-Einspritzung!) führten zum Liegenbleiben vor einer hiesigen Rockerkneipe der ganz düsteren Sorte. Ungerührt klappte ich seinerzeit die Motorhaube hoch zwecks Ursachenforschung. Prompt stand ein muskelbepackter, schwersttätowierter Kuttenträgers neben mir, drehte sich auf dem Absatz herum und dröhnte in den Laden hinein: »Ey! Da hängt ein Weib im Motorblock und hat Stress!« In Windeseile stand ein beachtlicher Trupp schwerer Jungs um ihn, mich und den röchelnden Jeep. Zur Verblüffung der Runde gelang es mir, die Karre wieder ins Laufen zu bringen. Sie haben applaudiert, die rauhbeinigen Herren – und die anschließende Entspannungsrunde beim Bier war unerwartet respektvoll, unterhaltsam und rundum allerliebst.

Getoppt wurde meine persönliche Hitliste der schrägen Komplimente von einem Kumpel, der ein Auto gleichen Typs und gleicher Farbe fuhr. Wir haben oft gemeinsam in seiner Scheune an unseren jeweiligen Schätzchen herumgeschraubt, Ersatzteile besorgt und getauscht, jeder von uns wechselnd in, auf oder unter seinem Jeep. Eines Winters, beide Vehikel absehbar mit Handlungsbedarf, rief mich Ulli an und röhrte in den Hörer: »Schätzelein, ich freu mich so auf den Frühling mit Dir!« Ein wenig grobgerastert und verdutzt hab ich zurückgefragt, ob der als trinkfest bekannte Schrauberkumpel möglicherweise gerade sturzbreit beschwingt sei. Er lachte schallend, verneinte und antwortete: »Es ist so wunderbar, mit Dir am Auto zu schrauben!«

3kg Zucchini am Stück. ©HeikeRost.com 08/2015 - Alle Rechte vorbehalten.Herzhaft erfreut, amüsiert und manchmal berührt haben mich alle diese kleinen Momente. Und natürlich darf ein aktuelles Update für die Rubrik der schrägen Komplimente nicht fehlen. Während einer Reportage brachte mich kürzlich eine gewisse Unbeholfenheit junger Menschen dazu, einen Exkurs in die korrekte Handhabung von Wetzstein und Sense zu liefern. Was mir mein Onkel vor einigen Jahren zwischen Weinlese und Traktorfahren beibrachte und mit den Worten kommentierte »Das musst Du einfach können, wer weiß, wozu man’s mal gebrauchen kann!«, hatte ich seit gefühlten Steinzeiten nicht mehr gemacht. Aber manches verlernt man ebensowenig wie Schwimmen oder Radfahren. Die unverhoffte kurze Lehrstunde in Sachen Gras mähen mit einer antiken Sense bescherte mir allerlei: Zum einen die Einsicht, dass mein Onkel Recht hatte. Man weiß wirklich nie, wofür man solche Sachen gebrauchen kann. Zum anderen auch einen überaus unterhaltsamen Fototermin und ein sehr herzliches Dankeschön der munteren Nachwuchsgärtner: 3 kg garantiert ungespritzter und ungedüngter Zucchini aus dem Garten der Studenten. Am Stück, Beweisfoto anbei.

Foto: HeikeRost.com 07/2015 – Alle Rechte vorbehalten.

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