Betrachtung

Die Farben des Regenbogens

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Eine Sommergeschichte, es ist schon lange her: Unterwegs mit meiner preußischen Großmutter war ich damals, im Odenwald, ein Kindheitserinnerungsort voller Apfelduft, mit Pilzen und Walderdbeeren, mit Heidelbeeren, barfuß im Gras. Wir gerieten beim Spaziergang in einen ordentlichen Platzregen, offenbar ein Gewitterausläufer. Kamen lachend aus dem Wald gestolpert, durchnässt bis auf die Haut und standen staunend in der großen Wiese am Ende des Wegs. Dort, wo man den weitesten Blick übers Tal hat. Genau den Blick, der auch Herz und Seele weit macht, die Gedanken öffnet und den Kopf befreit für Neues. Der Himmel klarte plötzlich auf zu strahlendem Blau mit ein paar dunklen Wolken und einem so klaren, messerscharfen Licht wie nur an wenigen Tagen im Jahr, meistens nach einem kräftigen Regenguß. Und direkt vor uns: ein perfekter, leuchtender Regenbogen. Doppelt, minutenlang.

Meine Großmutter, die mir bis knapp unter die Schulter reichte, legte mir den Arm um die Taille und lehnte sich an mich. Sie wusste, dass ihr nicht mehr viel Zeit bleiben würde, zu weit hatte sich der Krebs damals schon in ihr ausgebreitet. Vielleicht ein paar Monate, vielleicht ein halbes Jahr, mehr nicht. Schon immer hatten wir eine ganz besondere Verbindung zueinander; wortloses Verstehen, in Musik und Bildern, manchmal reichte ein kurzer Blick, um die Gedanken des anderen zu spüren. Lange Jahre gab sie mir Klavierunterricht und brachte mir die Liebe zur Musik und zur Natur bei, die Kenntnis von Pilzen, Pflanzen und Kräutern, lehrte mich, auf Intuitionen ebenso zu vertrauen wie auf den Verstand. Am Waldrand sagte sie damals zu mir: »Weißt Du, wenn ich nicht mehr da bin und Du Dich fragst, wie es weitergehen soll oder Du nicht weißt, was richtig oder falsch ist – dann schau nach oben. Vielleicht siehst Du einen Regenbogen in den Wolken. Ich denke dann an Dich, egal wo ich bin. Und sage Dir von irgendwoher ‚Du schaffst das. Es ist gut, wie es ist.’«

Ein paar Monate später starb sie; eine Verkettung ziemlich merkwürdiger Zufälle sorgte dafür, dass ich in diesem Moment bei ihr sein konnte. Sie festzuhalten und zu spüren, wie sie aufhörte zu atmen, ihr Herz immer sachter und langsamer schlug, bis sie schließlich fortging, war für mich weniger Angst einflößend als der Gedanke, sie könne ganz allein sterben. Ich habe damals das Fenster im Krankenhauszimmer geöffnet, mit dem Gedanken, ihre Seele freizulassen aus dem Raum voller Apparate, Schläuche und Monitore. Am Winterhimmel rings um die Sonne sah ich nach diesem endgültigen Abschied kleine regenbogenbunte Funken leuchten. Die Sache mit dem Regenbogen ist geblieben, als Erinnerung und Begleitung: In vielen Momenten, in denen ich ratlos war oder traurig, in denen ich über Entscheidungen grübelte, an vielem zweifelte und mich fragte, ob manches gut ausgeht oder »richtig« sprich passend ist, sind mir diese bunt schillernden Lichtflecken begegnet. Haben mich gerührt und berührt, zum Weinen gebracht und zum Lächeln zurück getragen.

Aber immer erinnert mich diese ganz persönliche Regenbogengeschichte an etwas, was mich meine Großmutter, die zierliche, aber aufrechte Preußin mit den Drahtseil-Nerven und gelegentlich herzhafter »Berliner Schnauze«, mit Lebensklugheit, Herzenswärme und präzisem Blick gelehrt hat – und was Meister Eckart so wunderschön formulierte: »Immer ist die wichtigste Stunde die gegenwärtige; immer ist der wichtigste Mensch, der dir gerade gegenübersteht; immer ist die wichtigste Tat die Liebe.« (Danke, Omi.)