Notizen von unterwegs: Hoffnung

von Heike Rost am 26. November 2015

in Begegnung

Oft bewege ich mich als Photographin auf schwierigem Terrain: In Gefängnissen oder Sterbehospizen, unterwegs mit blinden oder gehörlosen Menschen, mit psychisch Kranken. Es sind leise Geschichten, die ich mit meinen Bildern und Texten erzähle. Manchmal fallen sie mir buchstäblich vor die Füße, diese Reportagen, sie begegnen mir und ich ihnen. Und immer sind sie es wert, erspürt, geschrieben und photographiert zu werden.

Mitunter gibt es während der Arbeit sehr berührende Momente; so wie heute, als ich vor einem Gebäude stand, das derzeit zu einer Flüchtlingsunterkunft hergerichtet wird. Im Gespräch mit Bauarbeitern und Planern, mit Bundeswehrsoldaten und Sozialarbeitern, Mitarbeitern eines Sicherheitsdienstes, die das Gelände bewachen. Mitten im Baustellen- und Verkehrslärm dann ein stiller Moment während einer Kaffeepause: Gleichzeitig schauten eine junge Frau und ich auf, in den pastellfarben graublauen Winternebelhimmel.

Leises Rauschen über unseren Köpfen hatte unsere Aufmerksamkeit geweckt. Und plötzlich stupste einer den anderen mit dem Ellbogen an in der Runde. Nickte mit dem Kopf nach oben oder deutete mit der Hand hinauf. Flüsterte: »Schau mal…!«. Über das mit Stacheldraht abgezäunte Gelände flogen sechs Schwäne mit ruhigen, kraftvollen Flügelschlägen wasserwärts, zum Rhein. Ein poetischer, unwirklicher Augenblick der Stille und des Innehaltens, wir blickten uns an, mit einem leisen Lächeln, unberührt geblieben ist keiner. Weil uns die Schwäne alle an etwas erinnerten. An Märchen der Brüder Grimm aus Kindertagen, an Träume und vor allem daran, dass alles gut werden kann.
Weil es möglich ist. Und man die Hoffnung nicht aufgeben darf.

Foto: Fundstück aus einem Flur, mit einem Goethe-Zitat. »Es hört doch jeder nur, was er versteht.« ©HeikeRost.com 26.11.2015

PS: Der Psychologe und Philosoph Wilhelm Salber interpretiert das Märchen »Die sechs Schwäne« als eine Geschichte des Suchens und Findens, der Balance zwischen Zuviel und Zuwenig, mit Chancen und Hoffnungen für Neues ebenso wie für Fehlentscheidungen und Verwirrungen. Das Märchen charakterisiere »Verrückungen und Risse unseres Handelns in Umbruchszeiten mit ungewissem Ausgang«.

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