Notizen von unterwegs: Zum Goldenen Tiger

von Heike Rost am 19. August 2015 · 1 Kommentar

in Begegnung, Beobachtung

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Wehe dem Gast, der im „U Zlatého Tygra“ einen der Stühle besetzt, die mit der Rückenlehne schräg am Tisch lehnen! Prompt verscheuchen den Unwissenden die emsigen Kellner, sind diese Stühle doch einzig den Stammgästen der Prager Bierstube vorbehalten, die nachmittags ab drei Uhr das kleine Lokal mit lautstarkem Leben erfüllen. Voll ist es eigentlich immer dort, Stimmengewirr im Raum, das geleerte Bierglas wird flugs durch ein frisch gefülltes ersetzt. Mancher Gast sitzt schweigend, sinnierend dort, blickt vor sich hin, denkt und träumt mit lebendiger Mimik, erzählend auch ohne Worte: Stundenlang. Gesichter voller kleiner Geschichten und Gedichte, bisweilen sind’s auch ganze Romane, die sich in den Falten und Fältchen verbergen, aus Augenringen, Stirnfalten und Mundwinkeln hervorblitzen, schelmisch, traurig, ernst oder lächelnd.

Nebeneinander sitzen am blankgescheuerten Tisch zwei ältere Herren. Die Hand am Griff des Bierglases, versunken in Gedanken. Paralleler Geradeausblick in tiefem Schweigen, gelegentlich hebt eine schwielige, knorrige Hand das Glas, ein tiefer Zug frisch gezapftes Bier, der Humpen knallt nachdrücklich wieder auf den Tisch. Immer noch Schweigen. Wie auf ein lautloses, geheimes Kommando wenden sich die beiden plötzlich einander zu. „Es ist früh kalt dieses Jahr!“ dröhnt der linke Herr seinem Nachbarn zur Rechten grimmigem Tonfalls zu. Dann wenden sich die beiden wieder voneinander ab. Geradeaus blickend, schweigend, grimassierend. Stirnrunzelnder Blick auf das fast leere Bierglas und hinüber zum Wirt, ein fast unmerkliche Bewegung des Kopfes. Nur Augenblicke später das nächste, frisch Gezapfte auf dem Tisch. Immer noch Schweigen. Über den Köpfen der beiden tickt eine große Uhr beharrlich vor sich hin, ihr Zeiger wandert gemächlich weiter. Geraume Zeit später, es mag eine halbe oder gar dreiviertel Stunde gewesen sein, wenden sich die beiden Gäste wieder einander zu: Die Hand des rechten Herrn knallt flach auf’s dunkle Holz der Tischplatte:  „Ja!“ bellt er. Kurz und bündig, nicht mehr. Gedankenverloren, in sich versunken, sinnieren sie weiter, Gedankenreflexe wortlosen Erzählens im Gesicht.

Am Tisch nebenan „bafelt“ ein gestikulierender Mann in langen, sonoren Monologen; hört ihm außer seinem unsichtbaren Auditorium einer der Biertrinker im „Tiger“ zu? Das Phantasiewort des großen Bohumil Hrabal mag hier seinen Ursprung gehabt haben, in der lauten Einsamkeit der kleinen dunklen Pivnice, auf die kein prangendes Schild und keine Speisekarte neben dem Eingang hinweist. Es ist ein seltsam schöner, fremdartiger Platz, an dem die Zeit langsamer verrinnt, gar vorüber zieht: „Das Städtchen, in dem die Zeit stehen blieb“ nannte Hrabal eines seiner wunderbaren Bücher. Stammgast war er im Goldenen Tiger, beim Bier, tagaus, tagein, bei jedem Wetter und in jeder Stimmung. So skurril und merkwürdig wie seine Geschichten, zärtlich-traurig, beobachtend einsam, beim Bier ersonnen, in einer grandiosen Mischung aus sezierter Realität und überbordender Phantasie. Schlusspunkt: Der vierte „Prager Fenstersturz“ 1997, Hrabals Todestag. Beim Taubenfüttern ist der greise, wortgewaltige Dichter aus dem Fenster gestürzt.

U Zlatého Tygra (Zum Goldenen Tiger), Husova 228/17, Staré Město, Prag. Geöffnet von 15 – 23h.

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