Begegnungen – in Farben und Licht

von Heike Rost am 4. Oktober 2016

in Begegnung

Bild 01Jetzt hängen sie wieder, in neuen Rahmen, mit feinen Passepartouts: Zwei meiner Lieblingsbilder, die ich vor langer Zeit gekauft habe. Sie begleiten mich seit Jahren, sind mit mir umgezogen, waren auf Wanderschaft vom Büro in den Konferenzraum und von dort weiter in die Wohnung. Zwischendrin haben sie – sorgfältig verpackt in säurefesten Kartonmappen – eine Weile im Verborgenen gelegen. Sie sind eine Erinnerung an berührende Begegnungen, mit Paul und seiner Frau Hanna. Als junger Mann im Zweiten Weltkrieg überlebte er nur um Haaresbreite eine schwere Kopfverletzung und hatte das unfassbare Glück, keine bleibenden Schäden davonzutragen. Es hat ihn aufmerksam gemacht auf die Leiden anderer, denen er gemeinsam mit Hanna zu helfen beschloss. Als Seelsorger, aber auch als Leiter eines Wohnheims für behinderte Menschen im Süden Deutschlands.

Mit Künstlern aus aller Welt verband ihn eine intensive, bereichernde Freundschaft: In seiner Wohnung hingen überall ihre Werke, Größen der Kunst wie Jackson Pollock, Joseph Beuys und viele mehr waren ihm Inspiration, Denkanstoß … und brachten ihn dazu, mit den Bewohnern der Diakonie Wehröfflingen ein besonderes Experiment zu wagen. Begegnungen mit Künstlern und ihren Bildern, die den Menschen in der Diakonie einen anderen, überraschenden Blickwinkel eröffneten. Sie ermutigten, selbst mit Pinsel, Farben und Leinwand ihren inneren Welten Ausdruck zu verleihen.

In zahlreichen Ausstellungen wurden Kunstwerke gezeigt; meist ohne Zuordnung, in selbstverständlicher Mischung, die für die Besucher Überraschung war – und sein sollte: Denn die Welt der Farben und des Lichts macht keinen Unterschied zwischen den Menschen, sondern eröffnet einen spannenden Einblick in Kreativität und Schaffenskraft höchst unterschiedlicher Persönlichkeiten.

Bild 02Die beiden Bilder, die bei mir an der Wand hängen, sind ein Gemisch aus diffusen Farbschichten. An manchen Stellen ist das Papier fast einen Zentimeter dick mit bunter Struktur bedeckt. Gleich groß, in derselben Technik, dennoch unterschiedlich: Eins der Werke beginnt zu leuchten, wenn die Sonne darüber streift – wie ein Frühlingsmorgenhimmel scheint die Farbe selbst zu Licht zu werden. Das andere, in grünen, blauen und gelben Farbtönen, macht manche Betrachter für einen Moment sprachlos: »Es erinnert mich an etwas. Aber woran?« ist ein Satz, der vor dem Rahmen schon öfter gefallen ist. Manchmal habe ich dieser Erinnerung auf die Sprünge geholfen: Die beiden kleinformatigen Gemälde sind entstanden, nachdem die Künstlerin Monets Seerosenbilder im Pariser Jeu de Paume sah. Später stand sie staunend atemlos in einer Galerie. Und verliebte sich Hals über Kopf – in die bunten Farbfeuerwerke von Jackson Pollock.

»Das ist so wahr«, sagte sie damals, als wir uns begegneten. »So Licht und Leben, so Farbe und Freude.« Sie öffnete eine prall gefüllte Mappe ihrer anmutigen, farbintensiven Bilder für mich. Mit einem sicheren Gespür legte sie dann diese beiden Gemälde vor mich auf den Tisch. »Das sind Deine Lieblingsbilder, stimmt’s?« und lächelte mich verschmitzt an. Unser Gespräch über Licht, über Farben und Kunst war intensiv und wunderschön. Danach kaufte ich ihr beide Blätter ab. Zum Abschied wünschte mir Anna, dass mich das Licht begleiten möge, vielleicht manchmal auch in dunkleren Momenten. Ihre Bilder sind seit mittlerweile fast zwei Jahrzehnten bei mir. Sie erinnern mich an Anna, einen besonderen Menschen, dem aufgrund ihres Down-Syndroms niemand diese außergewöhnliche Gabe zutraute. Und an Paul und Hanna, seine Frau mit den unglaublich blauen, strahlenden Augen. Gemeinsam haben die beiden nicht nur Anna einen so intensiven Zugang zu Kunst und Wahrnehmung eröffnet.

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