Die fidelen Fräuleins von Freiburg

von Heike Rost am 21. Mai 2013

in Begegnung

Es ist Jahre her, dass ich die beiden Damen kennen lernen durfte: Johanna und ihre Zwillingsschwester Ruth, Freundinnen meiner preußischen Großmutter. Belesen, klug, lebenserfahren, voller Heiterkeit und Weisheit alle beide. Nach Jugend- und Kriegsjahren in Berlin verschlug es sie ins Süddeutsche. Nach Freiburg, in die Stadt mit dem Münster, von dessen Turm man bei schönem Wetter einen grandiosen Rundblick hat, vom Schwarzwald auf der einen Seite, übers Rheintal bis zu den Vogesen auf der anderen Seite. Manches Mal habe ich sie dort besucht, in der Altbauwohnung mit den hohen, lichten Räumen. Eine überaus fidele Wohngemeinschaft zweier älterer Damen mit liebenswerten Erinnerungen an die Bücherstapel überall.

Bibliothekarin die eine, Verwaltungsrätin die andere, schon von Berufs wegen haben Johanna, genannt Hannchen, und Ruth viel gelesen. Eine bunte Mischung aus Fachliteratur, Belletristik, klassischer Literatur, Zeitschriften und Zeitungen pflasterte die Wohnung; Verteilt nicht nur in Regalen, sondern auf Fensterbrettern, Tischen, Stühlen. Kein Schritt ohne Ermahnung an Besucher, die kurzerhand eine Sitzgelegenheit für sich freiräumen wollten: „Haaaaaalt!!! Auf den Stuhl kannst Du Dich nicht setzen, den Stapel muss ich noch lesen!“. Aus dem Hintergrund kam Ruths Echo: „Moment! Ich mach Dir gleich Platz!“ – auf dem großen Sofa, das so herrlich zum Hineinfläzen und Schmökern einlud, weil der Großteil der Chaiselongue mit Lektüre aller Art übersät war. Auf dem Kopfkissen des großen Betts im Gästezimmer eine Praline vom Chocolatier in Freiburg, dazu eine kleine Auswahl von Artikeln und Büchern für die nächtliche Lektüre des Gastes.

Stadtführungen durch Freiburg für die Besucher, voller Anekdoten und Geschichten, Orts- und Geschichtskenntnisse in vielfältiger Mischung mit skurrilen Beobachtungen und Schilderungen erlebter Momente: Hannchen und Ruth waren lebendigen Geschichtenerzähler. Als wären sie einem ihrer zusammengesammelten Bücher entsprungen, als hätten die Buchstaben der ledernen Bände den Sprung vom Papier ins reale Leben gewagt. Und nicht etwa, dass die beiden in einem durchgeistigten Elfenbeinturm ihr Seniorenleben gefristet hätten! Waren sie nicht auf Reisen, herrschte in der Wohnung reges Leben: Ein nie abreißender Besucherstrom unterschiedlichsten Alters zwischen Stuck, Holzpaneelen und Bibliothek, immer war Stimmengesumm und Wortgeklingel und Leben in der Bude. Mit Diskussionen über Gott und die Welt, über Politik, Kunst und Bücher, gelegentlich temperamentvoll und lautstark geführt, den Nachbarn zur Freude, den Besuchern zur Unterhaltung, dazu Käse, badischen Wein und Brot. Gelegentlich auch eine feine Zigarre – und im Winter Tee aus zierlichen Porzellantässchen am Kamin.

Ich erinnere mich gerne an die beiden fidelen Fräuleins, nicht nur an ihre Belesenheit und die wunderbaren Gespräche, die ich bis kurz vor ihrem Tod mit ihnen führen durfte. Ich entsinne mich auch ihres großen Herzens und der gelegentlich großen Klappe, des handfesten Humors der Damen, die mit Vorliebe höchst schräge Witze erzählten, stets ein augenzwinkerndes Lächeln im Gesicht. Witze, die sie nie auf Kosten anderer machten, sondern immer mit liebevoller Beobachtung erzählten, voller bezaubernder Leichtigkeit und hinreißenden Charmes. Unvergessen bleibt mir allerdings ein Abend während eines meiner Besuche in Freiburg. Damals habe ich dort mit einem guten Freund Station gemacht, das Kennenlernen der Damen mit und meines Begleiters kann man kurz beschreiben: Liebe auf den ersten Blick. Sie kamen, sahen und siegten, wechselten drei Worte miteinander – und hatten einander ins Herz geschlossen.

Der Abend gipfelte in einer spontanen Weinprobe mit regionalen Köstlichkeiten. Nach mehreren Flaschen feinster badischer Tropfen verschwand Hannchen mit energischem Schritt in der Speisekammer, um mit einer bauchigen, dunkelgrünen Flasche in der Hand zurückzukehren. Ein sattes Plopp des Korkens, ein Duft nach reifen Birnen, goldgelber Schnaps in kleinen Gläschen: „Den müsst Ihr unbedingt probieren, Kinder!“ Ein hausgebrannter Obstler aus dem Schwarzwälder Hinterland, hoch die Tassen, aus dem einen Gläschen wurden mehrere. In beschwingter Runde plauderten wir über dies und das, zunehmend mit schwererem Zungenschlag und ein wenig konfuseren Gedankengängen. Derweil saßen die beiden Damen kichernd in ihren Sesseln und beobachteten meinen Freund und mich, wie unsere Kondition langsam in die Knie und unsere Contenance komplett flöten ging. Hannchen und Ruth haben uns damals, kurz nach ihrem 79. Geburtstag, glatt unter den Tisch getrunken. Und unseren ausgewachsenen Kater am nächsten Tag, den haben die beiden mit Aspirin, Kaffee und liebevoller Pflege gründlich kuriert.

(Wenn man so alt werden könnte … wär’s ein Geschenk!)

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